Zurückgeben – Von Andreas Schweizer

Nach meiner Pensionierung war es mir ein Anliegen, nicht nur für mich zu leben, sondern einen Teil meiner Zeit einzusetzen um anderen Menschen zu helfen.

“Das Berufsleben ist ein stetes Aufbauen. Nach der Pensionierung darf man davon zehren”. Diese Weisheit habe ich von einem Finanzberater. Natürlich sprach er von Geld und Rente. In meinem Kopf löste er jedoch etwas Anderes aus als, dass ich ab jetzt monetär vom Ersparten zehren dürfe. Recht hat er, dachte ich. Mein Leben lang konnte ich Erfahrungen aufbauen, Beziehungen knüpfen, mir Fähigkeiten aneignen, sollten diese nun plötzlich brachliegen? Nein, das wäre schade. Irgendwie wollte ich mich nutzbringend einsetzen und etwas von dem zurückgeben, was mir im Berufsleben geschenkt war.

Ich dachte an Pausenaufsicht, Aufgabenhilfe oder wo auch immer ich mich einsetzen könnte. So machte ich mich auf zum Sozialamt meiner Gemeinde und fragte, wo ich mich nützlich machen könnte. Zu meinem Erstaunen endete dies nicht in der Schule, sondern bei “Wegbegleitung”, eines neuen Projekts von Caritas, das die Ortsgemeinde zusammen mit der reformierten und katholischen Kirche als Pilotprojekt unterstütze. (siehe: www.wegbegleitung-ag.ch)

Zuerst einmal faszinierte mich, dass die drei Gemeinden etwas GEMEINSAM unternahmen und am selben Strick zogen und so sagte ich gleich zu. “Wegbegleitung” unterstützt temporär ‘entgleiste’ Menschen in alltäglichen Situationen. In erster Linie durch Begleitung aller Art in Bereichen wo die Kraft allein nicht ausreicht (medizinische oder andere fachspezifische Unterstützung ist explizit ausgeschlossen).

Mein erstes Mandat war die Begleitung einer Frau, der einfach Alles zu viel geworden war, nach einem kurzzeitigen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik hatte sie Angst vor der Rückkehr in ihr Haus und den vielen Dingen, die ihr über den Kopf gewachsen waren (offene Rechnungen, Mahnungen, Betreibungen), sie hatte die Übersicht verloren und weder Kraft noch Mut irgendetwas zu unternehmen. So traf ich sie wöchentlich einen halben Tag lang und gemeinsam ordneten wir ihre Rechnungen. Mit Hilfe der kath. Kirche konnte ich eine Pfändung abwenden, indem die Kirchgemeinde aus der “Kerzenkasse – für Nothilfe” die überfälligen 450 Fr. zahlte. Durch Begleitung und Vermittlung an proSenectute konnte ich ihr fachliche Begleitung vermitteln und weitere finanzielle Hilfe für Halbtax Abo oder gewisse Rechnungen, die aus einer Bundeshilfskasse überwiesen werden konnten.

Mehr noch als die finanziellen Vermittlungen freute mich, dass sie wieder Lebensmut fasste, weil sie merkte, dass man auch mit Gläubigern reden konnte. Sie stellte fest, dass durch Ausweichen von Problemen die Not grösser wurde und durchs Suchen von Kontakt Lösungen gefunden werden können. Wenig Aufwand für mich, Sein oder Nichtsein für sie.

Jedes weitere Mandat war Anders. Da ging es um Stellensuche, Unterstützen beim Brief-Schreiben, Lehrstellensuche für Flüchtlinge, Begleitung auf dem Weg aus Wohnung ins Altersheim mit all den Formularen und Abklärungen, Beschaffen von Behördlichen Papieren für “Staatenlose”, Deutsch-Übungen, Zügelhilfe etc. etc.

In all diesen Begleitungen bin ich immer wieder überrascht, wieviel man erreichen kann – als “Götti”. Allein durch Anwesenheit kann man bewirken, dass Menschen nicht überhört, sondern gehört werden. Es überrascht mich auch zu sehen, dass ich mit recht wenig Aufwand sehr viel – und Essentielles – erreichen kann für Menschen in vermeintlich auswegloser Situation.

Andreas Schweizer auf Twitter

 

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