Die Leiden des jungen Wyss

Was sind meine täglichen Herausforderungen bei meinen Projekten hier und wie meistere ich diese?

Ein Projekt wie das hier in Donsol in Angriff zu nehmen, erforderteine grosse Portion Mut, Flexibilität, Improvisationsvermögen, eine Affinität zu fremden Kulturen und die Bereitschaft auf Verzicht. Ich war und werde auch in Zukunft bereit dazu sein, insofern dürfte ich nicht von „Leiden“ sprechen. Denn schlussendlich ist es eine grossartige Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Menschen in den Philippinen (oder anderswo) zu helfen, ein kleines Geschäft aufzubauen, tönt einfach. Geld auf den Tisch und los. Leider ist dem nicht so. Es gibt sechs Anforderungen, die sich mir tagtäglich stellen. Auch Dir, wenn Du ein ähnliches Projekt realisieren möchtest:

Geduld

Ich war zeitlebens ungeduldig. Ob das gesund ist, oder Grund war für meinen Nahtod 2013, lasse ich mal weg. Jedenfalls wird meine Geduld hier in Donsol tagtäglich auf die Probe gestellt. Aber ich spüre, dass es mir gut tut. Und dennoch muss ich mich ständig wieder daran erinnern. So leicht bringt man diese Ungeduld eben nicht weg.

Die Uhren ticken anders hier. Nicht, weil die Leuten faul wären (was zwar viele Expats hier behaupten), aber weil sie andere Wertvorstellungen haben und die Natur eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Nehmen wir den Transport des Bambus für unser Spielplatzprojekt.

Die Fahrt für die 25 Kilometer dauerte rund 11 Stunden. Die Fahrt musste bei Flut erfolgen, da der Fluss an diversen Stellen bei Ebbe zu seicht wäre. Flut heisst auch, dass der Fluss nicht hilft, sondern sogar gegen die Strömung der flut geflösst werden muss. Kein Wunder wollten die Leute Nachts fahren, in der Tageshitze wäre das schlicht eine Zumutung. Nun, diese Konstellation, Flut und Nacht, kommt nicht so häufig vor. Ich aber wusste davon zunächst nichts, ich ärgerte mich einfach nur täglich, dass die Lieferung des Bambus so lange dauerte.

Also, nicht ärgern, einfach zuerst mal verstehen, was die Gründe sind.

Floss aus Bambus

3 Männer brauchten 11 Stunden für 25 Kilometer

Frühmorgens kamen sie in Donsol an. Der Transport musste bei Flut und Nachts erfolgen

 

Improvisationsgabe

Es fehlt an fast allem, was man zum Aufbau eines Geschäfts braucht. Einige Dinge kann man in Legazpi kaufen, 50 Kilometer entfernt. Vieles gibt es jedoch nur in Manila. Rund 16 Stunden entfernt.

So wird jedes Vorhaben ein spannendes Erlebnis. Was muss man unbedingt kaufen und was kann man ersetzen? Wo kann man mit genügend Improvisationsgabe eine Umgehungslösung finden?

Zum Glück habe ich ein wenig handwerkliches Verständnis. Meine Installation eines Generators ist so ein Fall. Weit weg von Schweizer Perfektion, mit automatischer Umschaltung oder anderem Schnick-Schnack. Aber sie erfüllt den Zweck. Ich habe immer zwei Steckdosen nebeneinander installiert. Die eine wird durch das Stromnetz gespiesen, die andere vom Generator. Die Umstellung auf Generatorbetrieb dauert so maximal 5 Minuten.

Nicht ärgern, sondern nachdenken, wie man ein Problem sonst noch lösen könnte.

 

Rechts Steckdose für Normalbetrieb, links für Generatorbetrieb. Umstecken dauert für alles eine Minute

Selbstverständlich ist der Generator in einer Kiste, als Schutz vor Diebstahl, aber vorallem Kinder, die damit spielen würden

Chefrolle

Man mag vom amerikanischen Ausbildungssystem (auf welchem das philippinische basiert) halten was man will. Fehlt es an Geld, was in einem Entwicklungland der Normallfall ist, ist es aus meiner Sicht eine Katastrophe.

Riesige Klassen, teilweise mit über 50 SchülerInnen, vor denen ein Dozent steht, der eine Stunde lang spricht. Gruppenarbeiten, individuelles Arbeiten, Praxis sammeln, eigenständiges Denken fördern, das ist faktisch ausgeschlossen.

In Donsol kann ich ein College als Schreiner, Näherin, Köchin oder Elektriker absolvieren (Sorry, ich benutze hier absichtlich keine gendergerechte Sprache, vielleicht wisst Ihr warum). Und auch das nur in der Theorie. Praxis wird da kaum vermittelt. So habe ich mit diversen Näherinnnen gesprochen, die in der ganzen Ausbildung nur von Hand, nie mit einer Maschine nähten.

Schule, wie bei uns, als ich ein Kind war. Frontalunterricht, Hand aufstrecken, aufstehen beim sprechen. Fördert eigenständiges Denken nicht gerade

Der Vorsteher der Dancalan Elementary School. Von dieser Schule werdet Ihr noch öfters hören. Sie sammeln gerade PET-Flaschen für ein Geheimprojekt….

 

Als Coach steht es mir fern, jemandem Anweisungen zu geben. Hier jedoch bleibt mir nichts anderes übrig, als direkter Einfluss zu nehmen, wie meine Schützlinge ihr Geschäft planen und führen. Ja, es wird kulturell sogar erwartet.

Also zwischendurch auch mal befehlen, auch wenn einem das nicht liegt.

 

Geschäftskultur

Eine der grössten Schwierigkeiten ist, Denkschemen aufzubrechen. Diese Menschen sind arm und denken wie Arme. Was immer sie produzieren, denken sie, muss billig sein, sonst kauft es niemand. Etwas anderes kennen sie nicht. Woher auch? Es ist schwer, Ihnen beizubringen, dass ein Geschäft für arme Kunden kaum überlebensfähig ist, es aber Menschen mit mehr Geld gibt, die auch mehr ausgeben.

Hinzu kommt die Kopiermentalität. Sehr oft werden hier in den Philippinen neue Geschäftsideen von ethnischen Chinesen aufgegriffen. Andere kopieren sie dann. Gaya-Gaya nennt man das hier. Komme ich mit einer neuen Idee, schauen mich zunächst alle ungläubig an. Wieso sollte das jetzt ein erfolgreiches Geschäft werden? Wenn, hätte das doch sicher schon einer lange eröffnet.

Wie beispielsweise die Idee, Nachtessen bei armen Familien für Touristen zu organisieren. Zwei Jahre benötigte ich und den Zufall einer einzelnen Touristin, die ich einfach zu meinem Freund Jonathan nach Hause einlud und ihm den Auftrag gab, für sie zu kochen. Die Touristin war so begeistert, dass es die Menschen hier endlich begriffen, dass das ein Erfolg werden kann.

Eine andere Herausforderung ist das recht kurzfristige Denken hier. Das Land wird jedes Jahr von zahlreichen Naturkatastrophen heimgesucht. Dementsprechend kurzfristig ist die Denkweise. Was soll ich mich um übermorgen kümmern, wenn ich nicht weiss, ob nicht ein Taifun morgen mein ganzes Hab und Gut zerstört.

Beispielsweise mein Gartenbauprojekt. Man kann Wochen investieren, um Gemüse oder Früchte aufzuziehen. Ein Taifun und die ganze Mühe war umsonst. Es braucht spezielle Motivationstechniken, um bei den Menschen ein Umdenken zu erreichen. Für die Kinder – 20% haben Mangelernährung – versuche ich aber alles, damit hier mehr Menschen vermehrt eigenes Gemüse anbauen.

Tomate….

Okra…

Aubergine… Alles aus meinem garten, um den Menschen zu beweisen, dass Gemüseanbau einfach ist. Auch hier

Es geht. Das vorläufige Resultat bei einer Familie, die von mir Gemüsesamen erhalten hat

 

 

Mit meinen Ideen stosse ich oft auf Ungläubigkeit, aber stetes Zureden und Überzeugungskraft helfen. Mit der Zeit.

 

Eifersucht

Ich kann nicht allen helfen. Das kann sehr leicht Eifersucht schaffen. Klare Richtlinien, welche Projekte ich unterstützungswürdig halte und welche nicht, sind eine Voraussetzung.

Aber Eifersucht entsteht noch ganz anders. Ihr erinnert Euch vielleicht an die Bilder, als ich Nachts aufs Meer rausfuhr, um zu fischen und den Sonnenaufgang vom Meer aus zu betrachten. Auch Gerold, der mich besuchte, war fasziniert. So war es verständlich, dass J.D.B (Name der Redaktion bekannt) diesen Ausflug einer Touristin vorschlug, die sofort einwilligte. Und sofort war der Teufel im Haus. Das gleiche passierte schon früher mit Zadyac (Name geändert). Er war zu Beginn mein Übersetzer. Und da ich vornehmlich mit Frauen arbeite, war auch diese Aktivität seinem Hausfrieden nicht förderlich.

Impressionen vom frühen Morgen, als ich mit Gerold Schlegel fischen ging

Grünen Himmel sah ich noch nie

Und dann kam sie….

Unvergessliche Wolkenbilder

 

 

Als das mit J.D.B. passierte, war ich nahe daran, aufzugeben. Ich gebe den Menschen hier Ideen, wie sie ihr Leben ein wenig aufbessern können. Wenn das aber ihren Ehen abträglich ist, weiss ich auch nicht mehr weiter.

Nun, hier besprach ich mich mit meinem Coach, Gerold. Das darf nicht mein Problem sein. Aber wenn ich in Zukunft den Menschen so etwas vorschlage, mache ich sie darauf aufmerksam.

 

Bestechung

Ein riesiges Problem in den Philippinen und wohl allen Entwicklungsländern. Wo immer Regierungsbeamte Geld riechen, wollen sie abkassieren. Ich muss dauernd auf der Hut sein, dass meine Schützlinge nicht zu viel Werbung für unser Projekt machen. Sonst laufe ich Gefahr, dass meine Tätigkeit hier als illegale Arbeit eingestuft wird.

Aber alles läuft gut. Auf jede Frage von Behörden erzählen meine Leute, ich sei eine Privatperson, die einigen Freunden, ihnen, hilft. Dazu fand bisher noch niemand eine geeigneten Paragraphen, um von mir Geld zu verlangen. Aber kommt Zeit, kommt Paragraph… Wer weiss….

 

Ist das alles?

Nein, bei weitem nicht. Die hohe Kriminalitätsrate im Land (zum Glück nicht in Donsol), die zahlreichen Anschläge der New People’s Army in der Region Bicol, unzuverlässige Infrastruktur, die ewigen „Ausländerzuschläge“, Verzicht auf Komfort, sie alle gehören auch zu den Leiden des jungen Wyss. Aber sie betreffen nicht unmittelbar die Arbeit mit den Schützlingen hier. Und die Anforderungen werden in jedem Land anders sein.

Aber wie gesagt, ich möchte diese Lebenserfahrung nicht mehr missen. Mein Leben war gewiss nicht langweilig. Aber was ich hier erlebe, ist einfach eine phantastische Zeit. Daher zum Schluss wieder einmal ein grosses Danke an alle UnterstützerInnen, die das ermöglicht haben.

 

Ich würde mich freuen, wenn sich mehr Senioren entscheiden würden, das Konzept e-startUP (oder #wyssion) in andern Ecken dieser Welt umzusetzen. Falls Du selbst eine #wyssion umsetzen möchtest, darfst Du mich ohne weiteres kontaktieren. Ich stehe Dir gerne mit Rat bei.

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